Reutlinger General-Anzeiger

Bauen

Baugemeinschaften

Nicht mehr alternativ, sondern innovativ! Mit anderen Wohn- und Lebensräume zu gestalten gewinnt mehr und mehr an Attraktivität.

Der Kaufdruck auf dem Immobilienmarkt hat nicht nur die Preise für Grundstücke, Wohnungen und Mieten kräftig steigen lassen, er hat den Blick der Bauherren für alternative Wohnformen, wie beispielsweise Baugemeinschaften geöffnet. Während früher eher alternative Gruppen gemeinsames und bezahlbares Eigentum anstrebten, ist diese Wohnform mittlerweile salonfähig geworden. Damit verbunden ist meist der Wunsch nicht sozial isoliert zu leben, sondern gemeinsam mit anderen Menschen – oftmals generationsübergreifend.

Den Wohn(T)raum erfüllen konnte sich beispielsweise Metzingens erste private Baugemeinschaft in der Sannentalstraße. 31 Wohnungen in einem Mehrgenerationenhaus sind auf dem Gelände des ehemaligen Kindergartens entstanden, für knapp 10 Mio. Euro – zehn bis 20 Prozent günstiger, gemessen an der aktuellen Marktlage.

Doch nicht nur deshalb sei es lukrativ es mit einer Baugemeinschaft zu versuchen, sagt Projektentwickler Albrecht Reuß von citiplan aus Pfullingen. Die Frage, wie will ich zukünftig wohnen, steht dabei im Mittelpunkt. Und immer mehr Menschen beantworten die Frage mit „Sicherheit und gegenseitiger Hilfe“, die nicht aus der Not heraus gesucht werden müsse.

Die ersten Ideen für das Projekt entstanden 2009. Damals wurde von der Stadt Metzingen eine Zukunftsdiskussion angestoßen. Dabei entstand auch das Team „Soziale Lebenswelt“, das sich mit der Idee neuer Wohnformen beschäftigte. Michael Giehrl wird Sprecher und ein Stück weit der Spiritusrektor des Projekts.

„Ein Grundstück ist nicht alles. Aber ohne Grundstück ist alles nichts“, steht in der Projektbroschüre zu lesen. Erst mit dem Vorhandensein eines möglichen Bauplatzes wird das Projekt 2012 für die Gründungsmitglieder greifbar. 2013 werden die Ideen für generationsübergreifendes Wohnen in einer gutnachbarschaftlichen Wohngemeinschaft bei einem Workshop konkretisiert. Im gleichen Jahr gründet sich der Verein „Wohn(T)raum Sannental Metzingen, 2014 wird es mit der Vertragsunterzeichnung und der Gründung einer GbR konkret.

Acht Gründungsmitglieder hatte das Projekt damals, davon mussten zwei Geschäftsführer gefunden werden. Matthias Weidlich und Albin Gugl erklärten sich bereit. „Ich dränge mich nicht auf. Aber wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig“, betonte Gugl, der später als Bauleiter der Baugemeinschaft fungierte. Auf allzu starre Regelungen, beispielsweise bei Verkauf, wurde verzichtet. „Das Interesse aller, dass sich auf Dauer eine stabile Struktur entwickelt, stand im Vordergrund“, berichtet Reuß. Nachdem die formalen Grundlagen geschaffen waren, mussten Planungspartner und weitere Mitstreiter gefunden werden.

„Das Projekt lebt von den Akteuren“, weiß der Projektbegleiter, für den der Wohn(T)traum nach „Sorglos wohnen“ in Dettingen das zweite Projekt dieser Art ist. Zudem sei die Baugemeinschaft eine gute Möglichkeit bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, vor allem für Familien. 2015 wurde es konkreter. Der Einstieg in konkretere Planungen brachte zugleich viele Fragen: Welcher Energiestandard, wie viele Gemeinschaftsräume, welche Medien, welche Materialien, waren nur einige der Fragen. Hinzu kam noch das Thema Individualität bei der Gestaltung der eigenen vier Wände sowie die gerechte Verteilung der Kosten.

Am Ende wird ein KfW-40-Haus, mit vollständiger Geothermie-Versorgung und später noch einer Kühlung gebaut. Auch die Frage „wohin mit dem Müll“ wurde frühzeitig angegangen und ein innovative Lösung gefunden: Unterflur-Müllcontainer. Eine Photovoltaikanlage wurde installiert, ein Vertrag mit der Stadt geschlossen. Das WohnTraumAuto, ein Elektroauto, was in der Gemeinschaft geteilt wird, wurde angeschafft

Eine ganze Reihe weiterer Annehmlichkeiten finden sich im Garten: vom Rasenmähroborter, über Brotbackofen, ein alter Bauwagen für die Kinder oder eine Reihe Hochbeete am sogenannten Dorfplatz mit einem Holzpalillion. Hinzu kommt das Foyer mit einem Gemeinschaftsraum. Den Architekten der Casa Nova Planungs- und Wohnbaugesellschaft gelingt ein Brandschutzkonzept, das neben Laubengängen große Fensterfronten zulässt.

Mit Blick auf die Kosten war der Weg zum fertigen Projekt kein Wunschkonzert. Höhere Grundstückspreise und Mehrkosten für die Tiefgarage erschwerten die Sache. Schweren Herzens müssen Abstriche gemacht werden, stattdessen wird mehr Wohnraum hergestellt.

Der nächste große Meilenstein für das Projekt war „das Füllen des Gebäudes mit Menschen“, berichtet Reuß. 31 Wohneinheiten waren zu vergeben. Letztendlich bleibe eine Baugemeinschaft eine Baugemeinschaft, bei der man keine Unterschrift in einen fertigen ausgearbeiteten Vertrag setzt. Vieles bleibe zu diesem Zeitpunkt offen – auch letztendlich die Baukosten. Denn einen Kaufvertrag gibt es nur für das Grundstück, nicht für die einzelnen Wohnungen Im Herbst 2015, kurz vor der Baugenehmigung, waren noch neun Wohnungen vakant. Über eine Auffanggesellschaft wurde nachgedacht, doch bis zum Richtfest war auch die 31. Wohnung vergeben. Nun konnte das Grundstück gekauft und der Gesellschaftervertrag geschlossen werden.

Das Konzept ging auf. Familien mit kleinen Kindern konnten sich ihren Wohn(T)traum erfüllen, ebenso wie eine inklusive betreute Wohngruppe mit jungen Erwachsenen von der Bruderhaus Diakonie sowie eine TigeR-Gruppe – (Kinder)Tagespflege in anderen geeigneten Räumen. Kinderlose Paare sind eingezogen sowie Singles mittleren Alters. Ein Drittel der Bewohner gehört zur Gruppe 50 Plus. „Das war die treibende Gruppe, die diese Wohnform gesucht hat“, sagt Reuß. Junge Familien dabei zu haben, war ein wichtiger Anspruch der Initiatoren. Zudem gebe es eine gute Mischung zwischen Eigentums- und Mietwohnungen.

2016 wurde gebaut, für die Detailfragen wie Planung und Ausstattung wurden Arbeitskreise gegründet, wie „Grüner Daumen“ für den Garten oder „Gemeinschaftsraum“. Nach nur knapp 17 Monaten Bauzeit war das Gebäude Ende Juni 2017 bezugsfertig. Seitdem wohnen 69 Menschen im Alter von null bis 85 Jahren unter einem Dach. „Der Geist der Projektidee ist verwirklicht wurden“, resümiert Reuß, Transparenz durch die Laubengänge, mit viel Licht. „Das strahlt der Gebäude nun aus.“

Text: Anke Leuschke
Fotos Wohn(T)raum: Simon Anhorn
Baustellenfoto: Michael Giehrl

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