Reutlinger General-Anzeiger
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Kompakte Wohnmodule mit geringem Flächenverbrauch. Foto: GWG Reutlingen

Wohnen

Versteckte Reserven nutzen

Lust auf ein eigenes Zuhause? In Zeiten von hohen Preisen kein leichtes Projekt. Aber es gibt Alternativen zum megateuren Einfamilienhaus in der Stadt.

Laut immowelt.de musst Du in Reutlingen für einen Quadratmeter Baufläche zwischen 300 und 800 Euro hinblättern, je nach Lage und Gesamtgröße. In Stuttgart sind 1.000 bis 2.000 Euro für den Quadratmeter nichts Ungewöhnliches. Mit einem normalen Geldbeutel stemmst Du solche Grundstückspreise nicht. Träumst Du trotzdem von Deinem eigenen Zuhause? Dann sei offen für neue Konzepte!

Wenig Fläche aber viel Komfort

Cooles Wohnen in der Stadt, das kann die Umnutzung eines alten Gebäudes sein, eine hypermoderne Dachaufstockung, eine Wohneinheit im Clustergebäude oder eine Micro-Wohnbox. Bauformen wie diese erobern zurzeit die CAD-Programme von Architekten. Auf den Bildschirmen tummeln sich mehr und mehr Projekte, die sich mit dem Thema Nachverdichtung beschäftigen. Das Prinzip: möglichst viel Wohnraum auf kleiner Fläche – aber bitte ohne Abstriche am Wohnkomfort! Einige spannende Projekte gibt’s auch in Stuttgart und der Region Neckar-Alb.

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Tübingen – Transformiertes Trafohäuschen

Ein spannendes Beispiel ist das umgebaute Trafo-Häuschen in der Tübinger Rappstraße. Der Wohnturm selbst bietet zwar nur zehn Quadratmeter Grundfläche, der aber auf drei Stockwerken genutzt werden kann. Im Erdgeschoss befinden sich Bad und Heizungsraum. Der erste Stock wird als Flur und Zugang zur Terrasse genutzt, und im zweiten Stock sind Schlafzimmer und Balkon.
Das eigentliche Highlight ist ein rund 18 Quadratmeter großer Anbau im Erdgeschoss. Er bietet Platz für eine geräumige Wohnküche. Und wenn man draußen essen mag, geht es einen Stock höher auf die Terrasse – mit Blick auf die unten vorbeifließende Ammer. Auch die Farben spielen charmant auf die frühere Nutzung an: Der Anbau ist in einem dunklen Technikgrau gehalten, während der Turm „elektrisierend“ gelb über die Ammer leuchtet.

Aus alt mach neu

Rund 2, 5 Millionen zusätzliche Wohnungen könnten in Deutschland entstehen – und zwar ohne weiteres Bauland zu nutzen. Die „Deutschland-Studie 2019“ der TU Darmstadt ermittelt Brachflächen in Städten, die man beim ersten Hinsehen vielleicht nicht beachten würde.

Zum Beispiel leerstehende Büro- und Verwaltungsgebäude. Laut Studie könnte man bundesweit rund 350.000 Wohneinheiten gewinnen, wenn man dieses Potenzial nutzen würde. Genauso eignen sich Gewerbegebäude als Reservepool für die Raumverdichtung. Ihre Umnutzung ist zwar oft aufwendig, insbesondere wegen hoher Sanierungskosten. Jedoch entstehen gerade bei erneuerten Industriebauten oft die originellsten Wohnanlagen mit viel Raum für individuelle Gestaltung.

Reutlingen – Wohnen in der Box

In Reutlingen gibt es von 58.520 privaten Haushalten 25.500 Wohneinheiten, in denen nur eine Person lebt. Das entspricht dem Bundestrend: Rund 50 Prozent der Privathaushalte in Großstädten sind Single-Haushalte. Für sie entstehen zunehmend Gebäudeformen, die möglichst hohe Autarkie und Funktionalität bieten:  kompakte Modulhäuser. Die Micro-Gebäude sind gut geeignet, um ungenutzte Baulücken zu schließen. Denn viele Großstädte bergen Brachflächen, die für klassische Einfamilienhäuser zu klein sind.

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Foto: GWG Reutlingen

Kompakte neue Wohnformen

Im Reutlinger Betzenried sind sechs solcher nur 37 Quadratmeter großen Wohnboxen entstanden. Grundflächenverbrauch: 0 Quadratmeter. Denn die Minigebäude wurden auf die Dächer von Garagen aufgesetzt. Im Innern bieten sie ein geräumiges Wohnzimmer mit Essbereich sowie ein Schlaf- und ein Badezimmer. Die begrenzte Größe wird als Chance verstanden: Multifunktionale Raumelemente ermöglichen, die vorhandene Fläche effizient zu nutzen. So wurde zum Beispiel auf einen Flur verzichtet. Der Zugang erfolgt über die Außenterrasse. Im Innern beweist die Küchenzeile Allrounder-Qualitäten. Sie ist als Wand aufgebaut, an deren linker und rechter Seite jeweils eine Tür in die angrenzenden Räume führt: Downsizing mit Sinn fürs Praktische.

Als Single wohnen – im Viertel leben

Besonders durchdacht ist auch das stadtplanerische Konzept des Betzenrieds: Um eine möglichst vitale Bewohnerstruktur zu fördern, hat man verschiedene Gebäudeformen miteinander kombiniert: Mehrfamilienhäuser, Doppel- und Reihenhäuser sowie Single-Appartements in Form von Wohnboxen. Beruhigter Verkehr und Gärten sollen die Aufenthaltsqualität fördern und Raum für Begegnung schaffen. Für die GWG Reutlingen, die als Bauherrin fungiert hat, sind die Wohnboxen ein Erfolgsmodell. Die Fortsetzung ist bereits in Arbeit: Zurzeit werden in der Kurt-Schumacher-Straße die nächsten Minihäuser fertiggestellt. Hier werden bestehende Garagen mit dem Modulhaus „Flying Space“ von Schwörer Haus aufgestockt. Auch sie sind als luftige Nachverdichtungsvariante in dem eng bebauten Wohngebiet gedacht.

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In der Reutlinger Kurt-Schumacher-Straße: Modulhäuser von SchwörerHaus. Foto: SchwörerHaus

Stuttgart: Originelle Flächennutzung

Weiteres Potenzial bieten Bauflächen, die man vom Boden aus nicht sieht: die Dächer. Mit etwas Fantasie könnten viele Millionen Quadratmeter Baugrund deutschlandweit durch Dachaufstockungen aktiviert werden. Laut TU Darmstadt könnten bis zu 1,5 Millionen Wohnungen dadurch entstehen.
Diese Idee beflügelt auch Architekt Florian Danner: Er hat in Stuttgart ein Wohnhaus auf dem Dach eines Gründerzeithauses aufgesetzt. Den Anstoß zu seinem Projekt gab der Sanierungsbedarf des Gebäudes: Das Dach war schadhaft.

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Das sogenannte Stuttgarter UFO: innovative Dachflächennutzung. Foto: Dominik Hatt

Den Blick von oben riskieren

Danner übernahm die Aufgabe auf seine Art: Er sattelte sein hypermodernes Konstrukt einfach auf die alte Bausubstanz auf. Dank der vergleichsweise leichten Materialien – Stahl, Holz und Polyurethan – konnte er eine sehr individuelle Hausform realisieren. Geschwungene, fließende Wände bauen sich zu einer Art Muschel auf. Innen bietet das SciFi-Haus rund 200 Quadratmeter Wohnfläche, aufgeteilt in zwei Eigentumswohnungen. Dazu kommt eine phänomenale Terrasse über den Dächern der Neckar-Metropole.
Danner: „Das Ergebnis sollte auch als Anreiz gesehen werden, brachliegende Dachflächen und -räume zu reaktivieren und dadurch den städtischen Wohnbedarf durch Verdichtung zu decken“. 

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